Bordeaux 2024
Bordeaux · 2024 · Stand 03.08.2026
87/100
Das nasseste Vegetationsjahr seit 2000, Mehltau über Monate und die kleinste Ernte seit 1991. Ein trockener Sommer von Mitte Juli bis Ende August rettete, was zu retten war: helle, rotfruchtige Weine für den frühen Genuss — mit knapper Mitte.
Das Jahr
2024 war das nasseste Vegetationsjahr seit 2000. Von Oktober 2023 bis März 2024 fielen rund neunhundert Millimeter Dauerregen, etwa siebzig Prozent über dem Zehnjahresmittel; die Rebberge waren gesättigt, bevor die Saison begann. Der Austrieb kam gut zehn Tage früh, und mit der Nässe kam der Mehltau. Betriebe behandelten fünfzehn bis dreissig Mal, einzelne fast vierzig, und arbeiteten durch die Wochenenden. Ein Fünftel bis ein Viertel des gesamten Mengenausfalls geht auf ihn zurück.
Der April schwankte: nass und kühl, dann sonnig und warm, dann Morgenfröste vom 19. bis 23. April. Der Mai brachte Starkregen, Kühle und wenig Sonne und verzögerte die Blüte, die ungleich verlief — Verrieseln und Kleinbeerigkeit waren die Folge. In Lalande de Pomerol und Fronsac schlug im Mai und Juni Hagel ein. Von Mitte Juli bis Ende August folgte dann ein guter Sommer, trocken, sonnig, mit kühlen Nächten; er hat den Jahrgang gemacht. Der September war wieder nass, mit hundert bis hundertvierzig Millimetern je Appellation, und kühler als üblich; Wind und sonnige Nachmittage hielten die Fäulnis in Grenzen.
Die Ernte
Eine späte, lange Lese unter Anspannung. Der Sauvignon Blanc kam Ende August, der Merlot je nach Gut zwischen dem 12. und 18. September und häufig bei Regen, bevor er ganz reif war; beim Cabernet begannen einige Ende September, andere erst nach dem 5. Oktober. Ein Gut beendete den Merlot am 3. Oktober — der späteste Termin seiner Geschichte.
Entschieden wurde alles am Sortiertisch. Dichtebäder, optische Sortierung und Rütteltische kamen auf beiden Ufern zum Einsatz; einzelne Betriebe entfernten über zwanzig Prozent der Lese. Die Erträge klafften auseinander wie selten: von elf bis über fünfzig Hektoliter je Hektar. Die Gesamtmenge fiel auf 332 Millionen Liter und 35 Hektoliter je Hektar — die kleinste Ernte seit 1991. In Pauillac fiel der Schnitt unter dreissig Hektoliter — in über zwanzig Jahren war das zuvor nur 2013 vorgekommen.
Die Weine
2024 ist eine moderne Lesart des klassischen Bordeaux. Der Alkohol liegt ein Grad und mehr tiefer, der pH ebenfalls, und die Weine wirken darum betont frisch. Sie gehen auf die helle Seite: Kirsche, Johannisbeere, Erdbeere, Himbeere, gelegentlich Cranberry, dazu weiches Tannin und ein aromatischer, zugänglicher Auftritt. Woran es fehlt, ist die Mitte — die Konzentration bleibt mässig, und wer sie erzwingen wollte, bekam harte, trocknende Weine.
Ein Ufer-Jahr ist 2024 nicht: Gelungenes und Misslungenes stehen auf beiden Seiten nebeneinander, und die Unterschiede zwischen zwei Nachbarn sind grösser als die zwischen zwei Appellationen. Für die trockenen Weissweine war es ein hervorragendes Jahr, und auch Sauternes und Barsac brachten mit reichlich Botrytis starke Weine.
Heute im Glas
2024 ist erst am Anfang. Ein grosser Teil liegt noch im Fass oder ist gerade abgefüllt, und ein Urteil aus der Flasche steht aus. Was aus dem Fass sichtbar war: ein charmanter, fruchtbetonter Jahrgang, der jung am besten schmeckt und dessen beste Weine wohl fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre tragen — ohne dass Warten sie grösser machen würde.