Bordeaux 2023
Bordeaux · 2023 · Stand 03.08.2026
93/100
Ein warmes, feuchtes Jahr, in dem der Mehltau die Ernte entschied. Wer ihn abwehrte, brachte reichlich und gesund ein und machte helle, frische Weine mit rund einem Prozent weniger Alkohol — ungleich über die Region, am rechten Ufer aber bemerkenswert gleichmässig.
Das Jahr
2023 war warm und feucht, und darin lag das Problem. Der Austrieb kam Ende März, ernsthafte Frostschäden blieben im April aber aus, und die Blüte verlief so schnell und gleichmässig, dass ein reicher Ansatz absehbar war. Dann wechselten Hitze und Regen einander ab — die perfekten Bedingungen für Mehltau, und zwar im Frühjahr wie später im Jahr. Es war der stärkste Druck seit einem Vierteljahrhundert. Dass neunzig Prozent der Rebfläche betroffen waren, ging durch die Zeitungen und wurde vielfach als Ernteverlust missverstanden; in Wahrheit verloren viele Betriebe ein Prozent und andere fast alles. Am stärksten litt der Merlot; einzelne Güter behandelten zehn bis zwanzig Mal.
Der Juni war regnerisch und kühl, der Juli heiss, aber sonnenarm — was ausnahmsweise half, weil es den Mehltaudruck dämpfte und die Hängezeit verlängerte. Der Farbumschlag begann Mitte Juli und zog sich fast einen Monat hin. Ab dem 23. August kam ein Hitzestoss, vom 4. bis 7. September der nächste; beide brachten die letzte Reife. Während der Lese wechselten heisse Tage mit Gewittern, was die Beerenhäute verfeinerte und die Zuckerbildung bremste.
Die Ernte
Der Merlot wurde ab Anfang September geholt; beim Cabernet lasen manche aus Angst vor Gewittern zu hastig. Wer Geduld hatte und in Etappen las, traf die Reife. In Pauillac wurde vom 7. bis zum 30. September gelesen; dort war der Juni der heisseste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1962. Die Gesamtmenge lag bei 384 Millionen Litern und 37 Hektolitern je Hektar — die dritte kleine Ernte in Folge. In den Spitzenappellationen war es umgekehrt: Pauillac, Saint-Julien, Saint-Estèphe, Margaux und Pomerol brachten deutlich mehr ein als 2022, für viele Güter die grösste Menge seit Jahren.
Die Weine
2023 ist der Gegenentwurf zum Vorjahr. Der Alkohol liegt rund ein Prozent tiefer, der pH etwas darunter, und daraus entsteht Auftrieb: helle, reine Frucht, weiches Tannin, Energie und Länge statt Gewicht. Grünes fehlt bei den guten Weinen ganz. Wer dagegen stark extrahierte oder viel neues Holz nahm, bekam harte, spröde Weine — in diesem Jahr sichtbarer als sonst.
Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc gerieten besser als der Merlot, von dem es weniger gab. Gleichmässiger ist der Jahrgang trotzdem am rechten Ufer: Saint-Émilion und Pomerol tragen ihn, und zwei der stärksten Weine des Jahres stehen dort. Am linken Ufer ist die Qualität hoch, aber von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Die trockenen Weissweine und die edelsüssen Weine aus Sauternes und Barsac gerieten ausgezeichnet.
Heute im Glas
Der Jahrgang ist seit kurzem in der Flasche und hat durch die Fasszeit merklich gewonnen. Er trinkt sich jung gut — offen, saftig, freundlich —, und wegen der Säure und der Balance wird er länger tragen, als seine Leichtigkeit vermuten lässt. Einer der wenigen Jahrgänge, die man gleichzeitig öffnen und liegen lassen kann.