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Jahrgangsbericht

Bordeaux 2022

Bordeaux · 2022 · Stand 03.08.2026

Ausnahmejahrgang96/100

Hitze und Trockenheit in Rekordmass — und trotzdem keine schweren Weine, sondern seidige, konzentrierte und frische. Der jüngste ganz grosse Jahrgang, auf beiden Ufern und über die ganze Region.

Das Jahr

2022 war ein Jahr der Extreme: höchste Temperaturen, tiefste Niederschläge. Der Januar war kalt und gab den Reben eine echte Winterruhe, danach blieb es mild und trocken. Frostnächte vom 2. bis 5. April richteten örtlich Schaden an. Der Mai wurde der heisseste seit 1950 und brachte eine schnelle, gleichmässige Blüte, der Juni der heisseste seit 1947. Um den 18. Juni fielen in Südwestfrankreich Temperaturrekorde — an der Küste 41,9 Grad, wo der alte Rekord aus dem August 2003 stammte. In der Nacht zum 20. Juni zogen zwei Hagelkorridore über beide Ufer; für die Getroffenen war es verheerend, für alle anderen war der Regen ein Segen. Er fiel sehr ungleich: 158 Millimeter im nördlichen Médoc, 134 in Pauillac, 82 in Margaux, 69 in Saint-Émilion.

Juli und August waren heiss, sonnig und ausgesprochen trocken — rund die Hälfte des üblichen Wassers. In den zwanzig Wochen von Anfang Mai bis Ende September erreichten 117 Tage vierundzwanzig Grad oder mehr, achtunddreissig davon über zweiunddreissig. Entscheidend war, dass die Nächte kühl blieben. In den Landes brannten über zwanzigtausend Hektaren Wald; die Rebberge blieben verschont.

Die Ernte

Sehr früh und sehr rasch. Die Weissweintrauben kamen ab Mitte August, die rote Lese begann Anfang September und war überwiegend im September abgeschlossen; in Pauillac wurde vom 1. bis zum 26. September gelesen. Die Trauben waren vollkommen gesund und aussergewöhnlich klein — hohe Konzentration, wenig Saft. Die Menge lag bei 410 Millionen Litern und rund achtunddreissig Hektolitern je Hektar, mehr als fünfzehn Prozent unter dem Zehnjahresmittel. Kiesböden lieferten die tiefsten Erträge, Kalk und Ton kamen fast normal durch. In Pomerol wurde ausnahmsweise und unter strengen Bedingungen bewässert.

Die Weine

Das Auffällige an 2022 ist, dass extreme Bedingungen keine extremen Weine ergaben. Der Alkohol ist historisch hoch, und trotzdem wirkt kaum ein Wein alkoholisch: keine Hitze, keine Marmelade, sondern reife Frucht, seidige Textur, Länge und ein tiefer pH, der Frische gibt. Die Arbeitsweise erklärt einen Teil davon — kein Entblättern, Begrünung entfernt, grössere Laubwand als Schatten, im Keller kühlere und kürzere Extraktion mit wenig Bewegung.

Der Jahrgang gelang über die ganze Region, und es fällt schwer, eine Appellation vorn zu sehen. Kalk und Ton waren erwartbar im Vorteil, doch auch Kies brachte Grosses. Im Médoc erreichte der Merlot in einzelnen Assemblagen den höchsten Anteil seit einem halben Jahrhundert. Die trockenen Weissweine sind gut, wenn auch knapp in der Säure; die edelsüssen Weine aus spät gelesenen, edelfaulen Trauben sind sehr stark.

Heute im Glas

Vier Jahre — der Jahrgang ist am Anfang. Weil die Tannine so weich sind, gibt er schon jetzt viel her; am linken Ufer sind die ersten Flaschen schon zugänglich, am rechten gehört er klar noch ins Lager. Was heute im Glas steht, ist ein Ausschnitt: Frucht und Textur zeigen sich, die Tiefe kommt später. Reserve hat dieser Jahrgang für Jahrzehnte.

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