Bordeaux 2020
Bordeaux · 2020 · Stand 03.08.2026
95/100
Ein früher Jahrgang mit nassem Frühling, 54 Tagen Sommertrockenheit und Hitze mitten in der Lese. Die Weine sind dicht, aromatisch und weich im Tannin — am gleichmässigsten dort, wo Ton und Kalk das Winterwasser hielten, und damit vor allem am rechten Ufer.
Das Jahr
Ein mildes Jahr von Anfang an: von Dezember bis Mai war es in fünf von sechs Monaten deutlich wärmer als im langjährigen Mittel, und der Austrieb kam Mitte März. Ende März traf Frost die weniger geschützten Lagen, ohne grossen Schaden anzurichten. Der April war heiss — die dritthöchsten Temperaturen in fünfzig Jahren — und gleichzeitig nass, mit Starkregen zwischen dem 17. und 20. April und Hagel in Saint-Émilion und im Entre-Deux-Mers. Der Mai war warm und gewittrig; in der Nacht zum 10. Mai fielen im Schnitt siebzig Millimeter. Genau dazwischen lag die Blüte, früh und gleichmässig — das grosse Glück dieses Jahres.
Der Juni brachte Kühle, Regen und Mehltaudruck wie 2018. Danach begann die Trockenheit: vom 18. Juni bis zum 11. August fiel 54 Tage lang kein Regen. Die Gewitter vom 11. bis 16. August waren die Wende, aber sie fielen ungleich — im nördlichen Médoc rund hundert Millimeter, in Margaux deutlich weniger, in Saint-Émilion und Pomerol nur fünfundvierzig. Vom 30. August bis zum 18. September fiel kein Tropfen mehr, und die mittlere Septemberwoche brachte Tage über dreissig Grad, die den Saft in den Beeren weiter zurücknahmen.
Die Ernte
Die Weissweintrauben kamen ab Mitte August, die rote Lese lief ab der Woche des 14. September und war in zweieinhalb Wochen fast durch; der Cabernet Sauvignon wurde ab dem 21. September geholt, einzelne Cabernet Franc am rechten Ufer erst Anfang Oktober. In Pauillac wurde vom 7. bis zum 24. September gelesen, dort mit 32 Hektolitern je Hektar. Die Beeren waren klein, die Häute dick, der Saft knapp; Fäulnis gab es nicht. Die Gesamtmenge lag bei 440 Millionen Litern. Der Oktoberregen kam, als die Ernte im Keller war.
Die Weine
2020 ist ein Bodenjahr. Wo Ton und Kalk das Winterwasser hielten, reiften die Trauben ohne Stress; wo Kies und Sand trockenfielen, stellten die Reben das Wachstum ein. Die gelungenen Weine sind tief gefärbt und stark aromatisch, mit blumigen oder würzigen Noten, weichem Tannin, seidiger Textur und Länge. Der Alkohol liegt trotz Hitze und Trockenheit unter dem von 2018.
Am gleichmässigsten gelang das rechte Ufer, vor allem Pomerol und das Kalkplateau von Saint-Émilion. Am linken Ufer stehen die Graves und Pessac-Léognan sowie die südlichen Médoc-Lagen mit Merlot-Anteil gut da; im nördlichen Médoc ist das Bild ungleicher und das Tannin fester als in den beiden Jahren davor. Die trockenen Weissweine gerieten für ein heisses Jahr überraschend frisch. In Sauternes und Barsac war die Menge klein und die Edelfäule spät, die Qualität aber gut.
Heute im Glas
2020 ist noch nicht angekommen. Die Weine sind jung und in sich geschlossen; im nördlichen Médoc steht das Tannin noch deutlich vor der Frucht. Wer jetzt öffnet, sieht Anlage und Aromatik, nicht den fertigen Wein. 2020 ist ein Jahrgang zum Liegenlassen.