Bordeaux 2019
Bordeaux · 2019 · Stand 03.08.2026
96/100
Ein trockenes, warmes Jahr mit Hitzespitzen bei vierzig Grad und kühlen Nächten. Die Weine sind farbtief und seidig, aber besser im Gleichgewicht und tiefer im Alkohol als die des Vorjahrs — und über beide Ufer gleichmässig gelungen.
Das Jahr
Der Winter hinterliess ein Regendefizit: von Oktober bis März fielen rund hundert Millimeter weniger als üblich, Februar und März waren ausgesprochen trocken. Im April und Mai standen die Winzer nachts in den Rebbergen — am 13. und 14. April und noch einmal am 5. und 6. Mai sank die Temperatur auf null. Der Schaden blieb örtlich und war mit 2017 nicht vergleichbar. Der Mai war deutlich kühler als normal, und die Blüte Anfang Juni begann bei bestem Wetter, bevor Regen und Abkühlung sie unterbrachen. Die Folge waren ungleiche Trauben — verrieselte und kleinbeerige Partien, in einem Rebberg stark, im nächsten gar nicht.
Danach ein langer, heisser Sommer. Am 23. Juli erreichte die Temperatur vierzig Grad und mehr, viele Reben stellten das Wachstum ein; der schwere Regen wenige Tage später kam im letzten Moment. August und die erste Septemberhälfte blieben warm und trocken, die Nächte kühl — diese Spanne zwischen Tag und Nacht gab dem Jahrgang seine Frische. Am 22. September drehte das Wetter: rund fünfzig Millimeter im nördlichen Médoc, halb so viel in Margaux, danach klarer Himmel bis Mitte Oktober. In Margaux fielen von Anfang Januar bis Mitte Oktober 466 Millimeter Regen, ein Drittel weniger als im langjährigen Mittel.
Die Ernte
Die Weissweintrauben kamen ab Ende August herein, der Merlot in den früheren Lagen wie Pomerol ab der zweiten Septemberwoche; die Hauptlese lief in der zweiten Septemberhälfte und der ersten Oktoberhälfte. In Pauillac wurde vom 18. September bis zum 5. Oktober gelesen. Der Septemberregen erfrischte den Cabernet Sauvignon genau vor der Lese, Fäulnisdruck bestand nicht. Die Beeren blieben wegen der Trockenheit klein, der Alkohol liegt beim Merlot bei vierzehn bis über vierzehneinhalb Prozent, beim Cabernet bei dreizehn bis vierzehn. Die Erträge lagen an der Spitze bei 35 bis 55 Hektolitern je Hektar und waren gleichmässiger als im Vorjahr; die Gesamtmenge blieb knapp unter dem Zehnjahresmittel von rund 508 Millionen Litern.
Die Weine
2019 verbindet Reife mit Mass. Die Weine sind farbtief, aromatisch und blumig, seidig im Mund, mit reiner Frucht und einem Alkohol, der unter dem des Vorjahrs liegt. Sie sind weniger flamboyant als 2018 und dafür besser im Gleichgewicht. Wo sich die Weine scheiden, ist das Tannin: die gelungenen sind feinkörnig und geschliffen, die übrigen bleiben streng.
Der Jahrgang gelang über beide Ufer. Im Médoc stehen Pauillac, Saint-Estèphe und Saint-Julien vorn, am rechten Ufer Pomerol mit seinen Tonböden und das Kalkplateau von Saint-Émilion — überall dort, wo der Boden im trockenen Sommer Wasser nachlieferte. Ausserhalb der Spitzenlagen wird das Bild ungleich. Die trockenen Weissweine gerieten gut; über die edelsüssen Weine gehen die Urteile auseinander.
Heute im Glas
Wer 2019 heute öffnet, ist früh dran. Der Jahrgang zeigt schon viel Charme — die Frucht ist offen, die Textur weich —, aber das Tannin steht vollständig da und die Weine sind noch kompakt beisammen. Die zugänglicheren Flaschen machen Freude; die grossen Weine des Jahres öffnet man besser gegen Ende dieses Jahrzehnts und später.