Bordeaux 2015
Bordeaux · 2015 · Stand 03.08.2026
96/100
Ein heisser, sehr trockener Sommer, dem Regen im August die nötige Frische zurückgab — aber sehr ungleich verteilt. Reiche, samtige Weine mit reifem Tannin: am rechten Ufer sowie in Margaux und Pessac-Léognan am überzeugendsten.
Das Jahr
2015 war etwas wärmer als das Mittel und vor allem sehr trocken: in Pauillac fielen 706 Millimeter Regen gegenüber einem Jahresmittel von 862, mit dem Schwerpunkt der Trockenheit zwischen Februar und Juli, also von Austrieb bis Farbumschlag. Ungewöhnlich war der Zeitpunkt der Hitze — sie kam früh, nicht spät. Am 29. Juni wurden in den Rebbergen 41 Grad gemessen; Mai, Juni und Juli gehörten in vielen Appellationen zu den heissesten und trockensten der Aufzeichnungen. Bis Ende Juli war fast die Hälfte des üblichen Regens ausgeblieben, die Beeren blieben klein, und der Farbumschlag verzögerte sich.
Der August drehte das Bild: er wurde einer der nassesten überhaupt und brachte gebietsweise fast doppelt so viel Regen wie üblich, im nördlichen Médoc örtlich bis zu hundert Millimeter, während andere Gemeinden nahezu trocken blieben. Der Regen verhinderte, dass die Reife stehen blieb, verteilte sich aber sehr ungleich. Damit entschied der Boden über das Jahr: Lagen, die Hitze puffern und Überschuss ableiten konnten, brachten kleine, dickschalige Beeren mit reifem Tannin.
Die Ernte
Weil die Parzellen nach Boden, Sorte und Rebalter unterschiedlich weit waren, zog sich die Lese in die Länge. In Pauillac zog sie sich über 23 Tage — vom ersten Merlot am 14. September bis zum letzten Cabernet Sauvignon am 6. Oktober — und damit länger als in jedem Jahr davor. Das Lesegut war gesund, die Gärungen liefen schnell an, Farbe und Aromatik zeigten sich sofort. Die Menge blieb wegen der kleinen Beeren unter dem, was nach der Blüte zu erwarten gewesen wäre.
Die Weine
2015 ist ein reifer, sinnlicher Jahrgang mit dichter Farbe, süsser Frucht und rundem, samtigem Tannin — Fülle ohne die Strenge von 2010.
Am rechten Ufer ist er in der Spitze aussergewöhnlich: der Merlot auf den Tonböden von Pomerol und Saint-Émilion ergab opulente, konzentrierte Weine, der Cabernet Franc folgte knapp dahinter. Auf dem linken Ufer waren die Bedingungen in Margaux und Pessac-Léognan nahezu ideal, und Margaux gilt als eine der Überraschungen des Jahrgangs. Pauillac und Saint-Julien hängen am Boden der einzelnen Lage, Saint-Estèphe erhielt am meisten August-Regen und fällt am ungleichmässigsten aus. In mehreren Weinen des linken Ufers steht mehr Cabernet Sauvignon als üblich, weil er besser gelang als der Merlot; diese Weine sind elegant, frisch und straff, ohne das Gewicht der grossen Vorjahre. Für die edelsüssen Weine war es ein sehr gutes Jahr, für die trockenen Weissweine nur ein solides.
Heute im Glas
Nach elf Jahren gibt sich der Jahrgang schon offen; sein Tannin lag von der ersten Stunde an rund. Am rechten Ufer trinken die Weine jetzt mit viel Frucht und Textur. Auf dem linken Ufer sind sie straffer gebaut und gewinnen mit weiterem Warten deutlich. Ein Jahrgang, den man öffnen kann, ohne etwas zu verpassen — und der zugleich Reserve behält.