Bordeaux 2011
Bordeaux · 2011 · Stand 03.08.2026
87/100
Ein Jahr in der falschen Reihenfolge: der zweitwärmste April seit 1900, dann einer der kältesten Julimonate seit dreissig Jahren. Frische, rotfruchtige, mittelgewichtige Weine ohne grosse Reserve — am gleichmässigsten in Pomerol und Saint-Émilion.
Das Jahr
2011 war eines der wärmsten, sonnigsten und vor allem trockensten Jahre der vorangehenden vier Jahrzehnte — nur kam die Wärme zur falschen Zeit. Der Austrieb erfolgte Ende März, der April wurde der zweitwärmste seit 1900, der Mai kaum kühler. Die Blüte begann in Pauillac am 15. Mai, so früh wie kaum je zuvor, und der Farbumschlag setzte zweieinhalb Wochen früher als üblich ein. Am 26. und 27. Juni stieg die Temperatur auf rund vierzig Grad und verbrannte örtlich ganze Traubenpartien; am härtesten traf es den Cabernet Sauvignon auf trockenen Böden.
Dann kippte das Muster. Der Juli fiel so kalt aus wie kaum einer in den dreissig Jahren davor, der August nass. Bis Ende August waren in Pauillac erst 326 Millimeter Regen gefallen, gegenüber einem Mittel von 519. Am 10. September traf ein schweres Unwetter das nördliche Médoc und zwang einzelne Betriebe, früher zu beginnen als geplant. Ab dem 21. September stellte sich trockenes, sonniges Wetter mit kühlen Nächten ein.
Die Ernte
Die Lese begann aussergewöhnlich früh. Die Weissweintrauben kamen ab dem 17. August herein, gut zwei Wochen vor dem gewohnten Termin, der Merlot ab dem 5. September, der Cabernet rund eine Woche später. In Pauillac wurde vom 12. bis zum 28. September gelesen; die meisten Betriebe waren Ende September oder Anfang Oktober durch. Für einzelne Güter war es die früheste Ernte ihrer Geschichte. Die Erträge waren niedrig, mehrere Betriebe verzeichneten ihre kleinste Menge überhaupt oder mussten für einen Vergleich bis 1961 zurückgehen. Böden, die Wasser halten — Ton und Kalk — und alte Reben mit tiefen Wurzeln waren klar im Vorteil.
Die Weine
2011 ist ein Jahrgang der Auslese, nicht der Fülle. Die Weine sind frisch, hell und aromatisch, mit mehr Säure und mehr roter Frucht: Johannisbeere und Kirsche statt Brombeere und Likör. Sie sind reif, aber leichter im Mund als die beiden Vorjahre, und wer sie wie 2010 behandelte und stark extrahierte, erhielt trockene, holzbetonte Weine.
Am rechten Ufer, besonders in Pomerol, geriet das Jahr am gleichmässigsten. Im Médoc entscheidet der einzelne Betrieb, nicht die Appellation. Ein starkes Jahr war es für die trockenen Weissweine und für die edelsüssen Weine aus Sauternes und Barsac, wo ab dem 8. September rasch Botrytis einsetzte.
Heute im Glas
2011 war nie ein Jahrgang für Jahrzehnte. Nach fünfzehn Jahren steht er auf seinem Plateau: schlank, würzig, mit klarer roter Frucht und griffigem, aber gelöstem Tannin. Wer Flaschen hat, sollte sie in den nächsten Jahren öffnen. Von den überextrahierten Weinen ist nichts mehr zu erwarten: bei ihnen bleibt das Tannin trocken, während die Frucht nachgibt.