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Jahrgangsbericht

Bordeaux 1995

Bordeaux · 1995 · Stand 03.08.2026

Grosser Jahrgang90/100

Nach vier schwierigen Jahren wieder ein Jahrgang mit Substanz: rekordheisser Sommer, grosse Menge, Regen kurz vor der Lese. Die Weine sind tanninbetont und herb; wo Frucht dazukam, reifen sie langsam und schön, wo sie fehlte, steht heute das Gerüst allein.

Das Jahr

Reichliche Winterniederschläge füllten die Wasserreserven, ein warmer Frühling brachte den Austrieb rechtzeitig, und die Blüte war vor Juni durch. Dann setzte die Hitze früh ein und blieb: Juni, Juli und August waren so heiss und so trocken wie seit vierzig Jahren nicht mehr. Die Beeren blieben klein, mit dicken Schalen — für sich genommen eine gute Voraussetzung. Junge Reben mit flachen Wurzeln litten am stärksten unter der Dürre. Vom 7. bis zum 19. September fiel dann kräftiger Regen. Für die durstigen Cabernet-Reben kam er als Erlösung, für den früher reifenden Merlot zu spät; dort gab es Verwässerung in unterschiedlichem Ausmass. Böden, die Feuchtigkeit halten, waren dem Jahrgang wieder zuträglich.

Die Ernte

Die Lese begann Mitte September und lieferte eine grosse Menge, wie sie zuletzt 1986 eingebracht worden war. Der Regen zwang beim Merlot zur Eile und schob die Cabernet-Lese nach vorne. Darin liegt eine Ursache für die tanninbetonte Art dieser Weine: geerntet wurde, bevor die Tannine überall vollständig reif waren.

Die Weine

1995 war der erste Jahrgang seit 1990, der wieder Aufmerksamkeit verdiente, und wurde entsprechend gefeiert. Mit dem Alter ist er sperriger geworden, als es damals aussah: viel Tannin, mässig Frucht, eine herbe und unnachgiebige Art. Damals extrahierte man kräftig, und die Trockenheit hatte die Reife der Tannine nicht überall vollendet, weshalb vielen Weinen die Fülle fehlt, um ihr Gerüst zu überdauern. Es gibt aber die andere Hälfte: langsam reifende, feine Weine, vor allem aus Pauillac und Pomerol, dazu einzelne aus Pessac-Léognan und Saint-Émilion. Beide Ufer stehen in diesem Jahr etwa gleich; Margaux und Saint-Émilion bleiben hinter Pauillac, Saint-Julien und Pomerol zurück. Die trockenen Weissweine sind einfach und fruchtig geraten, ohne Rückgrat.

Heute im Glas

1995 ist ein Jahrgang für Freunde des klassischen, herben Stils. Die besten Weine stehen jetzt gut und haben noch Reserve; sie zeigen Zedernholz, Tabak und Leder über einer verhaltenen, kühlen Frucht. Wo die Frucht von Anfang an fehlte, hat das Tannin gewonnen, und dort wird es nicht mehr besser. Mit den Jahren teilt sich der Jahrgang immer deutlicher in diese zwei Hälften, und die Entscheidung fällt nicht nach Ufer, sondern nach Wein.

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