Bordeaux 1990
Bordeaux · 1990 · Stand 03.08.2026
96/100
Ein Sommer, wie ihn Bordeaux seit 1947 nicht erlebt hatte, ein reichlicher Ertrag und Regen zur richtigen Stunde: 1990 brachte üppige, samtige Weine mit tiefer Frucht, und zwar auf beiden Ufern. Einer der grossen Bordeaux-Jahrgänge des 20. Jahrhunderts, zugänglicher und sinnlicher als das strengere 1989.
Das Jahr
Nach einem freundlichen Winter und einem kühlen Frühling drehte der Mai auf warm, sonnig und trocken; die Blüte lag noch früher als im ohnehin frühen Vorjahr. Juli und August waren heiss und trocken. Der August war einer der wärmsten, die bis dahin verzeichnet worden waren; nur 1928 lag im Monatsmittel darüber, und der Sommer war der trockenste seit 1961. Über das ganze Vegetationsjahr gerechnet fiel dennoch viel Wasser. Wo die Wurzeln in tiefem Kies oder Sand standen, litten die Reben unter Trockenstress; ein Untergrund mit Lehm oder Kalk hielt das Wasser und war in diesem Jahr im Vorteil. Am 15. September zog ein schweres Gewitter über die Region, am stärksten über Pessac-Léognan, doch keine Appellation blieb trocken. Das Wasser kam zum richtigen Zeitpunkt: die Trauben vollendeten ihre Reife, Zucker und potenzieller Alkohol stiegen weiter.
Die Ernte
Die Lese begann in der zweiten Septemberwoche und damit ungewöhnlich früh. Anders als es die Erzählung über grosse Jahre nahelegt, war die Menge reichlich: der Fruchtansatz war ergiebig, die Erträge lagen hoch. Das Traubengut kam gesund und vollreif in die Keller, und weil das Schönwetter anhielt, konnte jeder Betrieb seinen eigenen Zeitpunkt wählen.
Die Weine
1990 ergab dichte, geröstete, samtige Weine mit üppiger dunkler Frucht, reifen Tanninen und tieferer Säure als 1989: zugänglicher, sinnlicher, weniger streng. Gelungen ist der Jahrgang auf beiden Ufern. Am rechten Ufer steht Saint-Émilion an der Spitze, in Pomerol schnitten die Lagen nahe der Grenze zu Saint-Émilion am besten ab. Am linken Ufer führen Pauillac und Saint-Julien, Pessac-Léognan hält mit, Margaux bleibt zurück. Ein Vorbehalt gehört dazu: wenig Säure, viel Zucker, kräftiges Tannin und mehr neues Holz, als die Keller gewohnt waren — der Jahrgang bot der Fehlhefe Brettanomyces damit beste Bedingungen. Man kannte sie damals kaum und tat entsprechend wenig dagegen. Bei einzelnen Weinen ist die Streuung von Flasche zu Flasche darum bis heute gross.
Heute im Glas
Die klassifizierten Gewächse stehen auf einem breiten Reifeplateau: Töne von Leder, Tabak, Trüffel und Kaffee legen sich über eine Frucht, die noch trägt. Die einfachen Gewächse des Jahrgangs sind längst über dem Zenit. Bei den Spitzenweinen beider Ufer entscheidet weniger das Alter als die Lagerung. Eine sauber gelagerte Flasche trägt weiter, eine schlecht gelagerte zeigt den Fehlton umso deutlicher.