Bordeaux 1988
Bordeaux · 1988 · Stand 03.08.2026
89/100
Klassisch-strenger Jahrgang nach einer nassen Vorgeschichte: grosse Menge, späte Reife, vielfach zu früh gelesen. Feste, schlanke Rotweine mit grüner Kante, dazu ein herausragendes Süssweinjahr.
Das Jahr
Der Winter war mild, doch der Regen, der im Oktober 1987 die Lese ruiniert hatte, hörte nicht auf: Bis in den Juni 1988 lagen die Niederschläge über dem Mittel. Der nasse Frühling zwang die Güter früh in die Reben, um Fäulnis und Mehltau in Schach zu halten. Die Blüte kam spät und ungleichmässig; die ungleiche Reife war damit von Anfang an angelegt. Juli, August und September waren dann warm statt heiss und deutlich trocken, mit leichtem Trockenstress. Angesetzt war eine grosse Ernte, für einen kühleren Jahresverlauf eher zu gross.
Die Ernte
Die Reife kam langsam und gleichmässig voran und hätte eine späte Lese und starke Nerven verlangt. Leichter Regen Ende September und Mitte Oktober genügte jedoch, um viele Winzer nach dem verregneten Vorjahr sofort lesen zu lassen. Die Trauben waren nicht vollständig ausgereift; die Zuckergrade lagen so tief, dass breit aufgezuckert werden musste, und ein Teil des Cabernet Sauvignon im Médoc kam nur auf acht bis neun Volumenprozent. Die Erträge waren die höchsten, die das Jahrzehnt bis dahin gesehen hatte.
Die Weine
1988 ergab feste, schlanke, klassisch geschnittene Bordeaux mit hoher Säure und straffem Tannin. Die besten sind hell, elegant und beweglich, mit ausgeprägtem Duft und nur leicht kauigem Tannin. Wo zu früh gelesen wurde, vor allem im Médoc, trägt der Wein eine grüne, kräuterige, an Oliven erinnernde Kante, und diese Note wird mit den Jahren stärker, nicht schwächer. Was dem Jahrgang fehlt, sind die Gipfel: Es gibt gute, aber kaum überwältigende Weine.
Das Gefälle zwischen den Ufern ist geringer, als es sein Ruf vermuten lässt. Zunächst galt 1988 als Jahr des rechten Ufers und des Graves, weil der Merlot besser ausreifen konnte; Pomerol ist die gleichmässigste Appellation, während Saint-Émilion unter dem zurückgebliebenen Cabernet Franc leidet. Über die Zeit hat sich dieser Vorsprung eingeebnet. Ausserhalb jeder Diskussion stehen Sauternes und Barsac: gleichmässige Edelfäule ab dem späten Oktober, Lese bis Ende November, der erste von drei aussergewöhnlichen Süssweinjahrgängen in Folge.
Heute im Glas
Die besten Weine des Médoc sind noch angenehm zu trinken, aber schmal und ohne Rückgrat; vom rechten Ufer und aus Pessac-Léognan steht vieles über dem Zenit oder sollte bald geöffnet werden. Wer klassische, kühle, tanningeprägte Bordeaux mag, findet hier ehrliche Flaschen. Die Süssweine sind die Ausnahme: Sie sind noch straff, frisch und entwickeln sich weiter.