Bordeaux 1978
Bordeaux · 1978 · Stand 03.08.2026
86/100
Nach einem verregneten Frühjahr brachten neun Wochen Sonne ab Mitte August die Reife doch noch zustande — daher der Beiname Wunderjahrgang. Strukturierte, klassische Weine mit Graves und Médoc vorn, heute vollreif und am Auslaufen.
Das Jahr
Bis Mitte August war 1978 auf dem Weg, ein Ausfalljahr zu werden. Frühling und Frühsommer waren kühl und nass, in Juni und Juli fiel viel Regen, und in den Betrieben rechnete man mit dem Schlimmsten. Dann stellte sich eine stabile Hochdrucklage über dem Südwesten Frankreichs ein und blieb: rund neun Wochen Sonne und Wärme bis in den Oktober. In dieser Zeit holten die weit zurückliegenden Trauben ihre Reife nach, langsam, gleichmässig und ohne Hitzestress. Der Beiname Wunderjahrgang stammt aus diesen Wochen.
Die Ernte
Gelesen wurde entsprechend spät, in der ersten Oktoberwoche, unter warmen und trockenen Bedingungen. Der Ertrag lag im Mittel, das Traubengut war gesund, und die lange, gleichmässige Nachreife hinterliess reife Tannine bei erhaltener Säure. Das ist die Grundlage für die klassische Anlage dieses Jahrgangs.
Die Weine
1978 ergab strukturierte, fleischige und vielschichtige Weine mit klarer Kontur: kein üppiger, sondern ein aufrechter, klassisch gebauter Bordeaux-Stil. Die späte Reife spielte dem Cabernet Sauvignon in die Hände, und entsprechend liegt das linke Ufer vorn — die Graves an der Spitze, dicht gefolgt von Saint-Julien, Pauillac, Saint-Estèphe und Margaux. Pomerol und Saint-Émilion liegen dahinter: Der früher reifende Merlot hatte den nassen Frühsommer schlechter verkraftet und zog aus dem langen Herbst weniger Gewinn.
Bei den Süssweinen war 1978 dagegen ein schwaches Jahr. Der lange trockene Herbst, der den Roten die Reife brachte, verhinderte die Edelfäule, auf die Sauternes und Barsac angewiesen sind.
Heute im Glas
1978 gehört zu den besten Jahren des Jahrzehnts und ist heute vollständig reif. Um die Jahrtausendwende standen die Weine auf ihrem Punkt; inzwischen verlieren sie Frucht und zeigen zunehmend krautige, erdige und leicht bittere Noten. Gut gelagerte Flaschen aus starken Lagen geben nach wie vor ein stimmiges, herbes Bild ab. Zum weiteren Warten taugt der Jahrgang nicht mehr: Er wird nicht besser, und der Abstand zwischen einer sehr guten und einer mürben Flasche wächst mit jedem Jahr.