Bordeaux 1977
Bordeaux · 1977 · Stand 03.08.2026
65/100
Zwei schwere Spätfröste zerstörten Ende März und Anfang April einen Grossteil des Merlot, danach folgte ein nasser, sonnenarmer Sommer. Kleine Ernte, unreife und harte Weine — mit 1974 der Tiefpunkt des Jahrzehnts.
Das Jahr
1977 wurde in zwei Nächten entschieden. Am 31. März und erneut am 9. April zogen schwere Fröste über die Region und trafen die Rebberge in einem verletzlichen Stadium. Betroffen war vor allem der früh austreibende Merlot, also die Hauptsorte des rechten Ufers, die grossflächig Verluste erlitt. Die Blüte verlief anschliessend ungleichmässig. Was folgte, machte es nicht besser: ein nasser, kalter, sonnenarmer Sommer. Erst gegen Ende September stellte sich freundlicheres Wetter ein, viel zu spät für Trauben mit so grossem Rückstand.
Die Ernte
Gelesen wurde erst Anfang Oktober. Die Menge war klein, eine Folge der Fröste und nicht einer Auslese, und die Trauben kamen unreif und zuckerarm in den Keller. Ein kleiner Ertrag bedeutet in einem solchen Jahr keine Konzentration, sondern nur weniger von einem schwachen Rohstoff.
Die Weine
Der Jahrgang ergab harte, karge Weine: hell, sauer, krautig, mit grünem Tannin und ohne Fruchtmitte. Sie waren bereits jung sperrig und haben über die Jahre nichts gewonnen, weil ihnen die Substanz fehlte, aus der Reifearomen entstehen. Der Frost hat 1977 einen ungewöhnlich klaren Ufer-Unterschied geschaffen: Das rechte Ufer verlor mit dem Merlot einen Grossteil der Ernte, während der später austreibende Cabernet Sauvignon im Médoc besser durchkam. Gerettet hat das den Jahrgang nirgends.
Zusammen mit 1974 markiert 1977 den Tiefpunkt eines schwierigen Jahrzehnts. Welches der beiden Jahre unten liegt, hängt davon ab, was man einem Wein weniger nachsieht: die grünen Kanten der Unreife oder die Dünne einer zu grossen Ernte.
Heute im Glas
1977 ist ein Jahrgang ohne Trinkperspektive. Die Weine standen nie in einem Fenster, das sich heute noch öffnen liesse, und sind längst ausgetrocknet. Wer eine Flasche aus persönlichen Gründen vor sich hat, sollte sie einfach öffnen und nicht auf einen günstigeren Zeitpunkt warten — er kommt nicht. Bemerkenswert bleibt an diesem Jahr vor allem, wie wenig die Region nach zwei Frostnächten im Frühling noch in der Hand hatte.