Bordeaux 1974
Bordeaux · 1974 · Stand 03.08.2026
61/100
Ein guter Start, dann der Absturz: Mai und Juni warm und trocken, ab August kalt und nass bis in die Lese. Grosse Menge, unreife und verwässerte Weine. Der Jahrgang zählt zu den schwächsten des Jahrzehnts.
Das Jahr
1974 begann besser, als es endete. Mai und Juni waren warm und trocken, die Reben kamen zügig voran, und bis in den Juli hinein sah der Jahrgang ordentlich aus. Dann kippte das Wetter. Der August brachte Kälte und Regen, und diese Lage hielt bis in die Lese hinein an. Was im Frühsommer an Vorsprung gewonnen war, ging in den entscheidenden Wochen der Reife wieder verloren.
Die Ernte
Gegen den 24. September war die Lese im Gang, und die Menge fiel gross aus. Beides zusammen ist die ungünstigste Verbindung, die ein solches Jahr kennt: viele Trauben, die im kühlen, feuchten Herbst nicht ausreifen konnten. Die Betriebe standen zudem nach mehreren schwachen Jahren und dem Einbruch des Bordeaux-Handels finanziell mit dem Rücken zur Wand. Für strenge Selektion und sorgfältige Arbeit im Rebberg war kein Geld vorhanden; in dieser Zeit wechselten mehrere Güter den Besitzer.
Die Weine
Der Jahrgang ergab unreife, verwässerte Weine: kraut- und stielbetont, hell in der Farbe, mit grünem Tannin und einer Säure, die von keiner Frucht getragen wird. Eine grosse Ernte hätte einen warmen, trockenen Herbst gebraucht, und den gab es nicht — je mehr Trauben am Stock hingen, desto weniger Reife kam auf die einzelne Beere.
Der kalte, nasse Herbst traf die spät reifenden Cabernet-Lagen des Médoc ebenso wie die früher reifenden Merlot-Lagen am rechten Ufer. Kein Bereich der Region kam mit einem eigenen Ergebnis davon; 1974 ist über die ganze Fläche schwach.
Heute im Glas
1974 ist als Trinkjahrgang vorbei und war es schon vor Jahrzehnten. Die Weine sind ausgetrocknet: Vom Gerüst ist mehr übrig als von der Frucht, die es tragen sollte. Wo in diesem Jahr überhaupt etwas gelang, war es die Leistung eines einzelnen Guts und nie das Merkmal einer Appellation. Eine Flasche 1974 steht deshalb für ein Datum und nicht für einen Geschmack. Zu erwarten ist ein schmaler, herber Rest — kühl serviert trägt er einen Abend eher als bei Zimmertemperatur.