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Jahrgangsbericht

Bordeaux 1972

Bordeaux · 1972 · Stand 03.08.2026

Schwieriger Jahrgang62/100

Ein kalter, nasser Jahrgang, der von Beginn an im Rückstand lag. Gelesen wurde erst im Oktober, Vollreife blieb aus. Dünne, säurebetonte Weine, die schon jung schmal wirkten und heute durchwegs über dem Zenit stehen.

Das Jahr

Der Vegetationszyklus kam 1972 nie richtig in Tritt. Auf einen kalten Frühling folgten bedeckte, regnerische Wochen; die Blüte lag von Anfang an im Rückstand. Der Juli blieb bewölkt und kühl, Anfang August kam in Teilen der Region Hagel dazu, und der Monat brachte weiter Kälte und Regen statt der Wärme, die die Trauben gebraucht hätten. Erst im September stellte sich trockeneres, wärmeres Wetter ein. Zwei gute Wochen holen den Rückstand einer ganzen Saison jedoch nicht auf.

Die Ernte

Gelesen wurde erst Anfang Oktober, so spät wie in kaum einem anderen Jahr des Jahrzehnts. Vollreife war auch dann nicht zu erreichen. Die Beeren kamen mit wenig Zucker und viel Säure in den Keller; die Substanz, aus der sich noch etwas machen liesse, fehlte.

Die Weine

1972 ergab helle, schmale Weine mit vorstehender Säure, wenig Volumen und kaum aromatischer Tiefe. Die Säure gab ihnen ein Gerippe, das lange hielt, aber es blieb ein Gerippe ohne Fleisch. Die Schwäche zog sich durch beide Ufer und durch alle Appellationen. Etwas besser kamen die leichten Kiesböden davon, in Margaux und in den Graves, wo Wasser rasch abzieht und der Boden Wärme speichert.

Zum Jahrgang gehört auch seine Handelsgeschichte. Obwohl allen klar war, wie schwach die Ernte ausgefallen war, kam er mit den Ansprüchen der Jahre davor auf den Markt. Er blieb liegen, die Nachfrage nach Bordeaux brach ein, und der Ruf der Region litt jahrelang. Der Einbruch prägte auch die folgenden Jahrgänge, weil in den Betrieben danach das Geld für sorgfältige Arbeit fehlte.

Heute im Glas

1972 ist ein Jahrgang für die Chronik, nicht für den Tisch. Die Weine stehen seit Jahrzehnten über ihrem Höhepunkt; Frucht und Mittelgewicht sind fort, geblieben sind Säure, Trockenheit und tertiäre Noten. Wer eine Flasche als Geburtsjahrgang öffnet, sollte sie kurz vorher entkorken und keine Entwicklung im Glas erwarten. Ausnahmen sind selten und hängen mehr an der Lagerung der einzelnen Flasche als am Namen auf dem Etikett.

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