Bordeaux 1971
Bordeaux · 1971 · Stand 03.08.2026
85/100
Ein kleiner, konzentrierter Jahrgang im Schatten von 1970. Nasser Frühling und Verrieselung kosteten Menge, vor allem beim Merlot — die Ernte lag rund vierzig Prozent unter dem Vorjahr; ein heisser Sommer brachte Dichte. Pomerol liegt vorn, Sauternes gelang gut. Heute vollreif.
Das Jahr
Der Frühling war nass und kalt. Die Feuchtigkeit begünstigte Mehltau und führte zur Verrieselung: Bei der Blüte wird die Befruchtung gestört, und in der Traube bleiben Beeren aus. Der Juni brachte Rekordniederschläge, die Böden waren über Monate nicht befahrbar, sodass im Rebberg von Hand gearbeitet werden musste. Merlot litt dabei deutlich stärker als Cabernet Sauvignon. Anfang Juli kippte das Wetter: Der Sommer wurde heiss und blieb es, mit Temperaturen um die dreissig Grad, und der Herbst folgte freundlich mit leichten Regenfällen.
Die Ernte
Gelesen wurde ab Ende September. Die Menge lag rund vierzig Prozent unter dem Vorjahr — nach der Rekordernte 1970 ein starker Einbruch und der eigentliche Charakterzug dieses Jahrgangs. Was blieb, war nicht wenig und dürftig, sondern wenig und dicht: Die von Natur aus sehr tiefen Erträge gaben den Weinen Tiefe und Konzentration. Das ist der Gegenfall zu 1969, wo eine ebenfalls kleine Ernte nichts einbrachte.
Die Weine
Die schlechte Merlot-Blüte hat den Jahrgang auch stilistisch geformt. Weil Merlot fehlte, ging mehr Cabernet Sauvignon in die Weine, als die Häuser gewöhnlich verwenden; die Assemblagen dieses Jahres sind darum straffer und kantiger als üblich.
Der Jahrgang gehört trotzdem Pomerol: Dort stehen die konzentriertesten Weine, deutlich vor Saint-Émilion. Graves und Margaux brachten komplexe, aromatische Weine hervor, im übrigen Médoc ist das Bild uneinheitlich. Eine Trennung nach Ufern trägt dieses Jahr nicht — die Unterschiede verlaufen zwischen den Appellationen. Ein eigenes Kapitel sind die edelsüssen Weine: Spätsommerliche Wärme und Feuchtigkeit brachten die Edelfäule sauber in Gang, und Sauternes und Barsac gelangen überzeugend — einzelne Flaschen stehen über den Rotweinen desselben Jahres.
Heute im Glas
1971 wurde von 1970 überstrahlt und blieb darum lange im Hintergrund. Heute sind auch die besten Rotweine vollreif und sollten eher früher als später getrunken werden. Im Médoc ist von den meisten Weinen wenig übrig, und am rechten Ufer beginnen selbst die grossen Flaschen, ihre Frucht abzulegen. Gut gelagerte Exemplare tragen noch einige Jahre auf diesem Niveau, gewinnen aber nichts mehr dazu. Bei den edelsüssen Weinen ist die Lage ähnlich: Die Spitze steht noch, die Breite hat ihren Höhepunkt hinter sich.