Bordeaux 1961
Bordeaux · 1961 · Stand 03.08.2026
96/100
Ein Frost Ende Mai traf die Reben nach der Blüte und drückte den Ertrag auf einen Bruchteil, dann folgten heisser August und trockener September: 1961 brachte kleinste Mengen extrem konzentrierter Weine. Der Bezugspunkt für reifen Bordeaux, mit dem linken Ufer an der Spitze.
Das Jahr
Der Frühling war mild, und die Blüte setzte früh und gleichmässig ein. Dann kam der Rückschlag: Ende Mai zog ein Frost über einen grossen Teil der Region und schädigte viele Reben. Weil er erst nach der Blüte eintrat, wuchs nichts nach — was verloren war, blieb verloren. Auf diese schmale Ausgangslage folgte ein nahezu idealer Verlauf: Regen im Juli, als die Beeren ihn brauchten, danach ein extrem heisser und trockener August und ein warmer, trockener September.
Die Ernte
Die Lese begann in der zweiten Septemberhälfte und war schnell vorbei, denn es gab kaum etwas zu holen. Die Rebberge trugen noch die Frostschäden von 1956, der Ausfall von Ende Mai kam obendrauf: einzelne Spitzengüter meldeten Erträge von rund elf Hektolitern je Hektar, ein Bruchteil des Üblichen. Was hereinkam, waren kleine, dickschalige, vollreife Beeren mit einem Verhältnis von Schale zu Saft, wie es kaum je vorkommt.
Die Weine
1961 ist der Inbegriff eines Konzentrationsjahrgangs. Die Weine waren jung dunkel, dicht und hart im Tannin; Trinkfreude boten sie damals nicht, sie verlangten Jahrzehnte. Bemerkenswert ist die Gleichmässigkeit von oben bis unten — auch einfachere Güter machten in diesem Jahr Weine von Rang. Das linke Ufer war der klare Gewinner: das Médoc mit Pauillac und Saint-Julien sowie die Graves lieferten durchgehend, während Margaux uneinheitlich ausfiel. Am rechten Ufer war Pomerol sehr erfolgreich, Saint-Émilion blieb zurück; dort wirkte der Wiederaufbau nach 1956 noch nach. Sauternes verlor: der trockene Herbst liess die Edelfäule kaum entstehen.
Heute im Glas
Nach über sechs Jahrzehnten ist 1961 der Bezugspunkt für reifen Bordeaux. Die besten Flaschen sind vollreif, aber nicht müde: kühle, würzige Tiefe, Zeder, Tabak, getrocknete dunkle Frucht, ein Tannin, das sich vollständig in Textur verwandelt hat, und ein sehr langer Nachhall. Einzelne Weine sind bis heute nicht am Ende ihrer Entwicklung. Bei einem so bekannten Jahr lohnt der genaue Blick auf die Flasche selbst: bei kaum einem anderen Jahrgang liegen intaktes und ausgezehrtes Exemplar so weit auseinander.