Bordeaux 1959
Bordeaux · 1959 · Stand 03.08.2026
95/100
Der heisseste und trockenste Jahrgang seit einem Jahrzehnt: halber Ertrag, sehr frühe Lese, dazu üppige Weine, denen man Langlebigkeit absprach. Sie hielten trotzdem — 1959 gehört zu den grossen Jahrgängen des Jahrhunderts.
Das Jahr
Auf einen milden Februar folgte ein warmer, fast frühlingshafter März, der den Austrieb rund zwei Wochen vorzog. Dieser Vorsprung blieb: der Sommer war heiss, sonnig und trocken, und 1959 gilt als das wärmste und trockenste Jahr, das Bordeaux in einem Jahrzehnt erlebt hatte. Mitte September fiel Regen, kurz und in der richtigen Menge, danach wurde es wieder heiss und trocken. Aus einem Trockenjahr wurde damit ein Reifejahr.
Die Ernte
Gelesen wurde ab dem 20. September, für die damalige Zeit sehr früh, und es kam nur etwa die Hälfte einer normalen Menge zusammen: die Rebberge trugen die Folgen des Frostwinters 1956 immer noch. Der kleine Ertrag traf auf vollreifes, zuckerreiches Traubengut. Im Keller war das eine Herausforderung, denn eine Gärung dieser Dichte ohne Temperatursteuerung im Griff zu behalten gelang nicht jedem. Darin liegt ein Teil der Unterschiede zwischen den Weinen dieses Jahrgangs.
Die Weine
1959 ist ein üppiger, sinnlicher Jahrgang, kein strenger. Die Weine kamen mit hohem Alkohol, dichter, süss wirkender Frucht und weichem Tannin auf den Markt und waren schon jung zugänglich — was ihnen zum Nachteil geriet, denn viele wurden zu früh getrunken. Zeitgenossen bezweifelten wegen der tiefen Säure, dass sie tragen würden. Die Gegenposition hielt fest, dass ein Wein mit genügend Substanz, Frucht und Tannin auch ohne hohe Säure lange steht; sie hatte recht. Erfolgreich war das Jahr überall: grosse Weine entstanden im Médoc wie in den Graves, in Pomerol wie in Saint-Émilion. Für Sauternes war 1959 der beste Jahrgang des Jahrzehnts, weil der Regen vor der Lese die Edelfäule genau richtig anschob.
Heute im Glas
Die meisten 1959er sind vollreif und werden nicht mehr besser. Die Spitzen aus einwandfreier Lagerung stehen dagegen erstaunlich aufrecht: tiefe, süsse Reife, Trüffel, Leder, Tabak und ein Nachhall, der die Herkunft noch klar zeigt. Weil so viel früh getrunken wurde, sind intakte Flaschen selten geworden. Der Jahrgang hält seinen Teil der Abmachung; ob eine einzelne Flasche ihn hält, entscheidet ihre Lagerung.