Bordeaux 1958
Bordeaux · 1958 · Stand 03.08.2026
65/100
Ein mässiges Jahr mit kleiner Menge: die Rebberge erholten sich noch vom Frost 1956, gelesen wurde erst im Oktober. Die Weine waren jung leicht und angenehm und sind heute so gut wie alle verklungen.
Das Jahr
1958 verlief unauffällig und blieb dabei zu kühl und zu feucht, um Reife aufzubauen. Es gab keine Katastrophe wie 1956 und keine Hitzephase wie im Jahr danach, sondern ein mässiges Vegetationsjahr, das sich hinzog. Weil die Reben Zeit brauchten, verlagerte sich alles nach hinten: die Reife kam spät, unvollständig und ungleich über die Parzellen verteilt.
Die Ernte
Erst am 6. Oktober waren die Güter flächendeckend in der Lese und suchten zusammen, was reif geworden war. Die Menge war klein, und der Grund lag weniger im Wetter als im Rebberg selbst: nach dem Frost von 1956 waren grosse Flächen in ganz Bordeaux neu bepflanzt, und junge Reben tragen wenig. Damit ist 1958 der dritte Jahrgang in Folge, dessen Bilanz vom Winter 1956 bestimmt wurde.
Die Weine
Die 1958er waren leichte, unkomplizierte, durchaus trinkbare Weine, nicht mehr. Farbe, Extrakt und Tannin blieben zurückhaltend, die Weine wirkten früh zugänglich und fielen nach einem, höchstens zwei Jahrzehnten auseinander. Die Qualität schwankte stark von Appellation zu Appellation; die Reife fehlte auf beiden Seiten des Flusses. Deutlich besser kamen die Süssweine von Sauternes durch, wo eine kühle, feuchte Spätsaison der Edelfäule eher nützt als schadet.
Heute im Glas
Bei Rot ist 1958 praktisch verschwunden, nicht weil die Weine getrunken wurden, sondern weil so wenig entstand und nichts davon auf Dauer gebaut war. Eine gefundene Flasche ist ein historisches Dokument: blass, zart, brüchig, mit Noten von getrocknetem Laub und Tee und einem Rest Säure, der den Wein noch zusammenhält. Ein Genussversprechen gibt der Jahrgang bei Rot keines. In Sauternes sieht es anders aus; dort trägt ein alter 1958er die Aufmerksamkeit noch. Und er zeigt, wie tief ein einzelner Frostwinter in ein Weinbaugebiet greift: drei Jahre nach dem Ereignis war die Erholung noch nicht abgeschlossen.