Bordeaux 1985
Bordeaux · 1985 · Stand 03.08.2026
90/100
Kalter Jahresbeginn, unauffälliger Sommer, dann der heisseste und trockenste September der Aufzeichnungen. Charmante, runde, elegante Weine ohne Machtanspruch — Pomerol liegt vorn, der Merlot machte das Jahr.
Das Jahr
Der Januar brachte die tiefsten Temperaturen seit 1956. April, Mai und Juni blieben bestenfalls durchschnittlich, die Blüte fiel Anfang Juni in kühle, feuchte Tage. Der Juli war etwas wärmer und feuchter als üblich, der August kühl. Bis Ende August sah 1985 nach einem unspektakulären Jahr aus. Dann kam ein September, der alles drehte: der heisseste und trockenste, seit Wetteraufzeichnungen geführt werden, im Anschluss an eine schon länger anhaltende Trockenphase.
Die Ernte
Die Lese begann spät, in den letzten Septembertagen. Der früher reifende Merlot kam prall und saftig herein, in bester Verfassung. Der Cabernet Sauvignon hatte es schwerer: Die Stöcke sollten hohe Erträge ausreifen und hatten dafür zu wenig Wasser und, nach dem kühlen August, zu wenig Zeit. Wer mit dem Cabernet zuwartete und spät las, wurde belohnt.
Die Weine
1985 ist kein Jahrgang der Kraft, sondern der Harmonie. Die Weine sind elegant, rund, poliert und von einer freundlichen Zugänglichkeit, die selten so geschlossen über eine ganze Region auftritt. Es fehlt ihnen die Tiefe und das Rückgrat der wirklich grossen Jahre, und sie waren nie für Generationen gebaut, dafür haben wenige Jahrgänge so viel Charme.
Weil das Jahr am Merlot hing, ist Pomerol die erfolgreichste Appellation; Saint-Émilion bleibt darunter, weil der Cabernet Franc dort nicht mitzog. Im Médoc und in den Graves entstanden dort, wo spät gelesen und der Ertrag begrenzt wurde, Cabernet-Weine auf Augenhöhe mit den besten Pomerols; Saint-Julien wirkt dabei am gleichmässigsten. In Sauternes und Barsac verhinderte die Trockenheit die Edelfäule, die Süssweine des Jahres tragen mehr Spätlese- als Edelfäule-Charakter.
Heute im Glas
Vollreif, und in den besten Flaschen noch frisch: 1985 trinkt sich duftig und überraschend lebhaft, mit reifer roter Frucht, Unterholz und weichen Tanninen. Reserven hat er nicht mehr: Was noch im Keller liegt, gehört in absehbarer Zeit auf den Tisch, bevor die Frucht nachgibt.