Bordeaux 1952
Bordeaux · 1952 · Stand 03.08.2026
87/100
Ein warmer, trockener Sommer, dann Kälte und Regen mitten in die Lese. 1952 kippte entlang der Rebsorte: Das rechte Ufer war mit dem früheren Merlot durch, das Médoc musste unreif pflücken — Pomerol und Saint-Émilion sind hier die klar besseren Adressen.
Das Jahr
Der Vegetationszyklus verlief lange nach Plan. Frühling und Sommer waren warm und trocken; der Juni schob am Monatsende eine Spitze um 37 Grad nach und kühlte nachts auf einstellige Werte ab, was der Säure zugute kam. Der Juli lag im Mittel noch günstiger, wenn auch mit flacheren Hitzespitzen um 33 Grad, und der August brachte am 12. rund 35 Grad. Anfang September kühlte es merklich ab, Höchstwerte um 24 Grad. Zu diesem Zeitpunkt sah der Jahrgang nach einem sehr guten Jahr aus. Dann brach das Wetter: Kälte und Regen kamen genau in das Fenster, in dem die Cabernet-Trauben des Médoc ihre letzten Reifewochen gebraucht hätten.
Die Ernte
Am rechten Ufer war die Lese vor dem Umschwung eingebracht, bei trockenem Wetter. Im Médoc zog sich die Reife der Cabernet-Trauben bis in den Oktober, und dort traf das Lesen voll in die Nässe. Die Güter standen vor einer Wahl ohne gute Antwort — pflücken, bevor die Trauben reif waren, oder warten und Verwässerung riskieren. Die meisten pflückten zu früh.
Die Weine
Damit ist 1952 ein Lehrstück darüber, wie das Erntewetter die gewohnte Rangordnung einer Region umdreht. In Pomerol entstanden vollständige, tiefe Weine mit gutem Tannin und Struktur, die Jahre brauchten, um sich zu öffnen, und danach lange hielten; Saint-Émilion folgte, uneinheitlicher als der Nachbar. Auch Graves kam vergleichsweise gut durch, weil dort mehr Merlot in den Verschnitten steht. Im Médoc — Pauillac, Saint-Julien, Saint-Estèphe — schmeckt man den zu früh gelesenen Cabernet: grünliche Noten, kantiges Tannin, weniger Mitte, als der Sommer angelegt hatte. Der Jahrgang steht darum nicht in den Reihen der grossen Nachkriegsjahre, obwohl seine besten Flaschen dieses Niveau erreichen.
Heute im Glas
Nach über siebzig Jahren sind die meisten 1952 am Ende oder darüber. Die Ausnahme ist die Spitze von Pomerol: Wo Tannin und Substanz vorhanden waren, halten die Weine bis heute und zeigen Pflaume, dunkle Kirsche und die erdige, an Waldboden erinnernde Reifearomatik eines gut gebauten Merlot-Weins. Die Streuung zwischen den Flaschen ist auch hier gross. Bei den unreif gelesenen Médocs bleibt das Grün, das mit dem Alter nicht verschwindet, sondern dominanter wird, weil die Frucht ringsum ausfällt.