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Jahrgangsbericht

Bordeaux 1945

Bordeaux · 1945 · Stand 03.08.2026

Ausnahmejahrgang98/100

Ein Maifrost halbierte die Menge, ein heisser, trockener Sommer konzentrierte den Rest. 1945 gilt als der grosse Jahrgang der Nachkriegszeit: Weine, die mit einer Tanninwand zur Welt kamen und Jahrzehnte brauchten, um sie zu ordnen.

Das Jahr

Auf einen milden, früh angelaufenen Frühling folgte am 2. Mai ein schwerer Frost, der die austreibenden Knospen verbrannte. Médoc und Graves traf es am härtesten; an manchen Gütern fiel gegen die Hälfte des Behangs aus. Hagel und Krankheitsdruck kosteten weitere Trauben. Danach kippte das Jahr ins andere Extrem. Der Sommer war warm, sonnig und trocken, praktisch ohne Unterbruch: der Juli mit Hitzespitzen gegen 37 Grad, der August mit kühlen Nächten um 9 Grad und Tagen um 32 Grad, der September bis zum Schluss warm und niederschlagsarm, mit noch einmal fast 37 Grad um die Monatsmitte. Abgekühlt hat es erst im Oktober, als die Trauben längst im Keller lagen.

Die Ernte

Die kleine Menge reifte früh. Gelesen wurde ab dem 13. September unter beinahe trockenen Bedingungen — an demselben Tag, an dem später auch 1982 die Lese begann. Der Ertrag lag bei etwa der Hälfte eines gewöhnlichen Jahres. Die Beeren blieben klein und dickschalig, und dieses Verhältnis von Schale zu Saft gab den Weinen von Beginn an ungewöhnlich viel Farbe, Extrakt und Tannin mit. Der Krieg in Europa endete wenige Tage nach dem Frost, und geerntet wurde in einem Land, das nicht mehr besetzt war.

Die Weine

1945 kam mit einer Tanninwand zur Welt, die jung kaum durchdringlich wirkte. Tiefe und Süsse zeigten sich erst nach Jahrzehnten — es ist der Jahrgang, der die Geduld seiner Besitzer am längsten geprüft hat. Am überzeugendsten getragen haben ihn das linke Ufer und Graves: Pauillac und Saint-Julien lieferten Cabernet-geprägte Weine von grosser Dichte, in den Graves entstand einer der seidigsten Weine des Jahres. Am rechten Ufer ist das Bild ungleichmässiger, mit einer klaren Ausnahme — dem Plateau von Pomerol, wo mehrere Güter Weine machten, die den besten Médocs nichts nachgeben. Saint-Émilion tritt in der Erinnerung des Jahrgangs deutlich weniger hervor.

Heute im Glas

Nach über acht Jahrzehnten öffnet man 1945 nicht wegen seiner Frucht, sondern wegen seiner Statur. Intakte Flaschen zeigen Tabak, Zedernholz, getrocknete Beeren und Unterholz über einem Gerüst, das noch trägt; einzelne Pomerols wirken dabei erstaunlich jugendlich. Entscheidend ist längst nicht mehr das Jahr, sondern die einzelne Flasche: Füllhöhe, Korkzustand und Lagergeschichte trennen das Denkmal von der Enttäuschung. Wer eine gute Flasche vor sich hat, gibt ihr Zeit im Glas statt langer Stunden in der Karaffe.

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