Bordeaux 1964
Bordeaux · 1964 · Stand 03.08.2026
83/100
Der Jahrgang der zwei Gesichter. Bis in den Oktober zeichnete sich ein grosses Jahr ab, dann setzte am 8. Oktober Regen ein und hielt wochenlang an. Wer vorher fertig war, vor allem Pomerol, machte konzentrierte, langlebige Weine; das spät lesende Médoc brachte grüne, verwässerte Weine ein.
Das Jahr
Das Jahr begann so gut, wie ein Bordeaux-Jahr beginnen kann. Der Frühling war warm, die Blüte verlief rasch und gleichmässig, und Juli, August und September blieben heiss und trocken. Zu Beginn des Septembers erklärte das französische Landwirtschaftsministerium den Jahrgang für gross, womöglich für einen der besten der Geschichte. Diese Erwartung hielt bis zum 8. Oktober. Dann setzte schwerer Regen ein und hörte wochenlang nicht auf.
Die Ernte
Begonnen hatte die Lese in der zweiten Septemberhälfte, und die Menge war reichlich. Entscheidend war jedoch nicht der Beginn, sondern der Stichtag: Wer am 8. Oktober fertig war, hatte einen grossen Jahrgang im Keller, wer noch draussen stand, verlor ihn. Viele Betriebe zögerten die Lese hinaus und hofften auf mehr Reife und ein Ende des Regens. Beides kam nicht. Im Médoc wurde bei trübem, sonnenlosem Wetter gelesen, oft im Regen.
Die Weine
Der Jahrgang zerfällt entlang des Lesezeitpunkts, und weil Merlot früher reift als Cabernet Sauvignon, verläuft die Trennlinie fast deckungsgleich mit dem Fluss. Pomerol liest traditionell zuerst und war vor dem Regen durch: konzentrierte, kräftige Weine mit guter Säure und ordentlichem Alkohol, Material für ein langes Leben. Saint-Émilion folgte mit Abstand, Pomerol blieb die verlässlichere Herkunft. Auch Graves, das gewöhnlich vor dem Médoc beginnt, brachte feine, mitteldichte Weine ein.
Das linke Ufer dagegen brachte überwiegend unreifes, grobes Material ein, das der Regen zusätzlich verdünnt hatte; diesen Weinen fehlt die Reife und damit die Balance. Einzelne Güter aus Pauillac und Saint-Estèphe, die vor dem Regen fertig wurden, sind die Ausnahmen dieses Jahres. Sauternes fiel dem Dauerregen vollständig zum Opfer.
Heute im Glas
Die besten Weine des rechten Ufers trinken sich nach sechs Jahrzehnten immer noch gut, sofern die Flaschen sauber gelagert wurden. Vom linken Ufer ist das meiste längst verklungen. Vor dem Öffnen lohnt darum der Blick auf Herkunft und Füllstand: Beim 1964er entscheidet nicht der Rang des Gutes über den Zustand, sondern die Frage, an welchem Tag gelesen wurde.